31. August 2015

Keine Ruhe fürs Nazidorf


Über 1.000 Menschen besuchten das »Festival für Demokratie« in Jamel. Die Familie Lohmeyer wurde für ihren Einsatz gegen die Neofaschisten geehrt
Von Johannes Supe/Jamel

Neugier, nicht Angst herrscht in Jamel vor. »Hast du echt noch nie ein Nazidorf gesehen?« fragt der junge Mann seine Begleiterin. Hat sie nicht. Die beiden sind in der Gruppe unterwegs, drei weitere Jugendliche folgen ihnen. Allein geht in dem Ort dann doch niemand. Und auch mit dem Gehen ist das so eine Sache. Man dürfe sich schon frei bewegen, meint die Polizei – die mehr Beamte stellt, als es im Dorf Einwohner gibt. Aber von der hinteren Dorfseite solle man sich fernhalten. Dort sei die Klientel, na ja, eher rechts – und reagiere gereizt auf Besucher. »Wir können ja mal mit dem Auto entlangfahren«, schlägt der Entdeckungslustige vor. Zu sehen gibt es die Skurrilitäten der »Dorfgemeinschaft Jamel«. Etwa eine bemalte Garage. Vater, Mutter und drei Kinder sind dort neben die Wortfolge »frei, sozial, national« gepinselt. Oder den »Wegweiser«, der verrät, dass Braunau am Inn, Hitlers Geburtsort, 855 Kilometer entfernt ist.

Gut 1.000 Menschen strömten am Samstag in das kleine Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Bereits am Vortag waren Hunderte gekommen. Sie besuchten das Festival »Jamel rockt den Förster«, veranstaltet von der Familie Lohmeyer. Unbekannte – mutmaßlich Neonazis – hatten die Scheune des Ehepaars in der Nacht zum 13. August niedergebrannt. Die beiden Künstler gelten als einzige Antifaschisten im Ort.

»Menschen zu verbrennen wäre in Ordnung gewesen für die Täter aus der Neonaziszene«, sagt Robert Feiger. Stichwortzettel um Stichwortzettel redet sich der Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt in Rage. Der Hass der Neonazis kenne keine Grenzen mehr. Es sei nicht zu verstehen, dass der Staat nicht mit voller Härte gegen die Rechten vorgehe. So wie gegen »Linksextremisten«. Seine Solidarität gelte der Familie Lohmeyer. Die sei standhaft geblieben, selbst dann noch, als ihr Leben bedroht wurde. Deshalb werde seine Gewerkschaft das Ehepaar nun mit dem Georg-Leber-Preis für Zivilcourage ehren.

Birgit Lohmeyer strahlt, ihr Mann reißt die Faust in die Luft. »Super, super glücklich« sei sie, sagt Frau Lohmeyer. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis helfe nicht nur ihnen, sondern auch ihrer Sache. Er sei ein weiterer Grund, sich gegen die Faschisten im Dorf zu engagieren. »Und Ihre klaren Worte, Herr Feiger, können wir alle nur unterstützen.«

LPG-Genossenschaft
Auch Matthias will solidarisch sein. Das IG-Metall-Mitglied hat vor vier Jahren aus der Zeitung von der Familie Lohmeyer und dem Nazidorf Jamel erfahren. Seitdem besuche er auch das Festival des Ehepaars. Seine Kollegen hat er gleich mitgenommen. Zu sechst sind sie aus Bremen angereist. Wenn er wieder zurück ist, will er auch die anderen Beschäftigten informieren, die neben ihm im Stahlwerk arbeiten.

Und dann die Überraschung: Beim Konzert am Samstag abend spielten auch die Toten Hosen. Als »Geste des Respekts«, so Frontmann Campino, habe man sich für den Auftritt entschieden. Der war wenige Tage vor dem Festival vereinbart worden; die Besucher erfuhren von ihrem Glück erst am Samstag nachmittag.

Kein Bus fährt nach Jamel, auch einen Bahnhof gibt es nicht. Die einzige Straße in das Dorf ist eine Sackgasse bzw. mündet in einen Feldweg, der durch einen dichten Buchenwald führt. Da sei es doch gar nicht so schlecht, meint einer der Besucher, dass die Rechten herkommen. Jamel, ein Endlager für Neonazis, weitab der Zivilisation?

Elf Kilometer entfernt von Jamel liegt Grevesmühlen. Zehntausend Einwohnern zählt der Ort. Eine Stadt der Pkw-Verkäufer. Uwe Wandel, Bürgermeister der Nachbargemeinde Gägelow, zu der auch Jamel gehört, verkauft und repariert hier Mercedes-Benz. Auch ein BMW-Unternehmen ist in der Stadt. »Es gibt hier viel zu viele Autos«, meint Wandel. Nur würden die nicht im Ort hergestellt, Industrie suche man in der gesamten Region vergebens. Was es in Grevesmühlen allerdings gibt, ist NPD-Werbung. Es sind die einzigen Parteiplakate in der Stadt. Ein Schild wurde von den Rechten direkt vor Wandels Unternehmen angebracht.

Sven Krüger gilt als Kopf der Neonazis in Jamel. In Grevesmühlen besitzt er ein Grundstück, darauf, weithin sichtbar mit schwarz-weiß-roter Fahne markiert, das »Thinghaus«. Als »Festung der Extremisten« hatte das Hamburger Abendblatt den Laden 2011 bezeichnet. Außer Faschisten dürfte sich auch kaum jemand zum rot angestrichenen Gebäude vortrauen: Zwei kaukasische Schäferhunde bewachen das Grundstück, toben und geifern, sobald ein Fremder sich nähert. Ein »Bürgerbüro« soll das Haus sein, steht auf einem Eingangsschild. Aber gut, dort steht auch der Werbespruch von Krügers Abrissunternehmen: »die Jungs fürs Grobe«. jw

Ein Dorf wird rechts: Chronologie Jamels

In Jamel dominieren die Rechten. Das kleine Dorf in Nordwestmecklenburg umfasst nur gut ein Dutzend Häuser. 37 Personen leben hier laut Bürgermeister Uwe Wandel. Deren Mehrheit gehöre zur neofaschistischen NPD. Gar 80 Prozent seien Neonazis, sagte Birgit Lohmeyer in einem Interview mit jW.
Ihren Anfang nehmen die braunen Umtriebe am 19. April 1992. Im Haus des Abrissunternehmers Sven Krüger – mittlerweile ein bundesweit bekannter NPD-Kader – kommen gut 120 Neonazis zusammen, um den anstehenden Geburtstag von Adolf Hitler zu feiern. Es kommt zu Randale seitens der Rechten. In den Folgejahren ziehen immer mehr »Kameraden« in den Kleinstort; offenbar weil Krüger Grundstücke aufkauft und diese weitergibt. 1996 brennt in Jamel zum ersten Mal ein Haus, in das Auswärtige einziehen wollten. Der Vorgang wiederholt sich: 2003 geht ein Anwesen in Flammen auf, das eine Hamburger Familie erworben und renoviert hatte. Ein Jahr später zieht die Familie Lohmeyer nach Jamel. Ihr wird Mist vor die Tür gekippt, in ihrem Briefkasten finden die Lohmeyers tote Tiere. 2010 kommt es auf dem jährlich von der Familie ausgerichteten Fest zu einem Übergriff durch Neonazis. Allerdings wird Sven Krüger 2011 zu vier Jahren Haft wegen gewerbsmäßiger Hehlerei und illegalem Waffenbesitz verurteilt, 2014 kommt er frei. In der Nacht zum 13. August 2015 wird die Scheune der Lohmeyers von Unbekannten niedergebrannt.
Die Besetzung von Dörfern und öffentlichen Räumen gilt den Rechten als Schaffung »national befreiter Zonen«. Erstmals tauchte das Konzept im Juni 1991 auf. Damals formulierte der »Nationaldemokratische Hochschulbund« in seinem OrganVorderste Front: »Wir müssen Freiräume schaffen, in denen wir faktisch die Macht ausüben, in denen wir sanktionsfähig sind.«  (jos)
Mehr Informationen: Antifainfoblatt.de

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