31. August 2015

»Jetzt kann man das nicht mehr verhindern«



Jamels Bürgermeister beklagt fehlende Strategie gegen die Neonazis. Ein Gespräch mit Uwe Wandel
Interview: Johannes Supe

Uwe Wandel ist seit 2006 Bürgermeister der Gemeinde Gägelow, zu der auch Jamel gehört. Er wurde als Parteiloser auf einer SPD-Liste gewählt.

Herr Wandel, Sie leben seit Jahrzehnten in der Region. Wie sah es in Jamel vor 1992 aus?

Das ist immer ein verschlafenes Nest gewesen. Zu Zeiten der DDR übte hier die Feuerwehr, ansonsten gab es nicht viel. Mit dem Ende der DDR hat sich das geändert. Direkt nach der Wende hat Sven Krüger Kontakte zu Rechten aus dem Westen aufgenommen. 1992 war deren erstes öffentliches Auftreten (siehe Spalte, Anm. d. Red.). Bis in die späten 90er ging es dann Schlag auf Schlag. Mehrere Straftatbestände wurden erfüllt, aber nie geahndet.

Gebrannt hat es in Jamel mehrfach. In der Nacht zum 13. August ging schließlich die Scheune der Familie Lohmeyer in Flammen auf. Konnte Sie das noch überraschen?

Ehrlich gesagt, ja. In den vergangenen Jahren ist es vergleichsweise ruhig in Jamel gewesen. Vor 14 Tagen war der Prozessbevollmächtigte des Bundesrates für das NPD-Verbotsverfahren bei uns. Er war der Meinung, die NPD halte wegen des gegen sie laufenden Verbotsverfahrens momentan die Füße still. Allerdings ist die Täterschaft nicht ermittelt. Sie wird zwar in der rechten Szene vermutet, aber noch sind das Spekulationen.

In der Vergangenheit haben Sie gesagt, dass Sie Jamel bereits aufgegeben haben. Bleiben Sie dabei?

Ich habe kein Konzept, wie man Jamel ändern könnte. Was sollen wir denn tun? Wenn wir Grundstücke erschließen, um den Ort zu entwickeln, dann stehen wir vor dem nächsten Problem: Niemand möchte nach Jamel ziehen. Diejenigen, die das wollen, die möchten wir wohl nicht. Und die Gesinnung der Zuziehenden dürfen wir als Kommune nicht prüfen.

Dann bleibt Jamel ein Dorf für Neonazis?

Jetzt kann man das nicht mehr verhindern.

Aber früher wäre es möglich gewesen?

Anfang der 90er Jahre hätte man die Neonazis aufhalten können. Der Staat hätte lediglich das geltende Recht durchsetzen müssen. Doch bei den ersten Brandanschlägen ermittelte die Polizei nicht ordentlich. Nur ein Beispiel: Ein Beamter hat 2003 Wehrsportübungen der Krüger-Gang beobachtet und diese im Juli desselben Jahres angezeigt. Doch erst Anfang Oktober kam die Polizei dann auf die Idee, den Wald zu durchsuchen. Da war das Laub bereits gefallen. Gewisse Sachen wollte man nicht behandeln. Da wurde der Grundstein dafür gelegt, dass die Rechten heute so selbstsicher auftreten können.

2007 kam eine Delegation des Schweriner Landtags zu Ihnen. Haben Sie von der Unterstützung bekommen?

In den letzten vier Jahren bekamen wir mehr Hilfe durch die Polizei. So konnten sämtliche Veranstaltungen im »Thinghaus« in Grevesmühlen gestört werden. Das war lange Zeit der zentrale Treffpunkt für die NPD in Norddeutschland. Doch bei jeder Veranstaltung der letzten Jahre waren Hundertschaften der Polizei anwesend. Mittlerweile nutzen die Rechten das Haus kaum noch.

Und was wurde aus der »Gesamtstrategie gegen rechts«, die damals versprochen wurde?

(Lacht.) Man hat mit mir nie darüber geredet, wie man Jamel angehen könnte. Es gibt hier doch keine Strategie gegen die Neonazis. Im Gegenteil: Auf dem rechten Auge ist man in der Bundesrepublik noch immer blind.
jw

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