28. August 2015

Hell- und Dunkeldeutschland


Über Zündschnur und Streichholz bei den Attacken gegen Flüchtlinge
Von Wolf Wetzel

Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck lobte beim Besuch eines Flüchtlingsheims in Berlin, im Schutz seiner Sicherheitsbeamten, die vielen »Freiwilligen, die zeigen wollen, es gibt ein helles Deutschland, das hier sich leuchtend darstellt gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören«. Reden wir also über das Hell- und das Dunkeldeutschland. Über Zusammenhänge.

Erst »verteidigt man Deutschland am Hindukusch«, dann in Libyen, später in Syrien und sonstwo – und zerstört dabei mit gutem Gewissen die Lebensgrundlagen der Menschen, mit der frivolen Behauptung, ihnen zu helfen. Das nennen Politiker, die sich selbst zu Helldeutschland zählen, wahlweise »humanitäre Intervention« (Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999), »Kampf gegen den Terrorismus« oder weniger verlogen: »Regime-Change«. Dann fliehen die Menschen – dorthin, wo diejenigen, die Krieg führen, in Ruhe leben. Dorthin, wohin der Reichtum fließt, wenn man die Ressourcen (Öl, Rohstoffe etc.) anderer Länder plündert, mit und ohne Krieg.

Dann meldet sich wieder dieses angebliche Helldeutschland und spricht von »Wirtschaftsflüchtlingen«, von Asylmissbrauch, zügiger Abschiebung und legt die Zündschnur, die von den Verursachern weg zu den Opfern führt. Das versteht selbst Dunkeldeutschland und steckt die Zündschnur an. Wieder brennen Notunterkünfte für Flüchtlinge und wieder klappt das Zusammenspiel von Regierung und überforderter Bevölkerung ausgezeichnet

Die Wiener Zeitung beschrieb am gestrigen Freitag die Szenerie treffend: In Heidenau »wüten zwei Tage lang Neonazis vor einer Flüchtlingsunterkunft. Dahinter skandieren Anwohner. Davor schafft es die Polizei tagelang nicht, die Gewalt in unmittelbarer Nähe der Flüchtlingsunterkunft, einem stillgelegten Baumarkt, unter Kontrolle zu bekommen. Trotz 33 Verletzten in ihren eigenen Reihen gibt es nur eine Festnahme. Ein Journalist. Als dann schließlich doch die Wasserwerfer auffahren, gelten diese linken Gegendemonstranten. Und das alles auf den Tag genau 23 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen. Damals wurden eine Aufnahmestelle für Asylwerber und ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter in Brand gesteckt.«

Dann meldet sich wieder »Helldeutschland« – wie damals – und verurteilt die nicht autorisierte Gewalt hier, um – mit der brennenden Notbehausung im Hintergrund – das zu wiederholen, was diese Leute schon immer sagen: Wir können nicht allen helfen, schon gar nicht jenen, deren Land wir wochenlang bombardiert und zerstückelt haben, also das Beste für uns herausgeholt haben. Wenn diejenigen, die wir damals befreit haben (aus dem »Völkergefängnis« Jugoslawien), nun zu uns fliehen, ist das mehr als undankbar. Denn wir sind zufrieden mit dem Ergebnis. Alles andere nennen wir »Wirtschaftsflüchtlinge«.

Natürlich kann »Helldeutschland« nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Es würde vollkommen reichen, endlich damit aufzuhören, das Leben vieler Menschen in vielen Ländern dieser Erde in eine Hölle zu verwandeln.
jw

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