24. August 2015

Heißbegehrte Kälteregion

Zankapfel Arktis: Die Eisschmelze im Nordpolarmeer macht gewaltige Rohstoffvorkommen zugänglich. Anrainerstaaten wollen sie sich sichern Von Bernd Müller Die Arktis hat das Zeug zum neuen Krisenherd. Die Rivalitäten der Anrainerstaaten nehmen in der Region zu. Auslöser sind unter anderem beträchtliche Ressourcen, die durch den Klimawandel zugänglich werden. Lange Zeit hätten Russland, EU- und NATO-Mitgliedsstaaten in der Arktis gleichberechtigt und meist effektiv zusammengearbeitet, schreiben Tobias Etzold und Stefan Steinicke von der »Stiftung Wissenschaft und Politik« in einer neuen Studie. Doch diese Zeit sei vorbei, stellen sie fest, und die Konfrontationen nehmen zu. Russland und der »Westen« seien dort militärisch aktiver geworden. Verstärkt wird die Rivalität im Nordpolarraum durch die Situation in der Ukraine. Die beiden Autoren sprechen von »einer grundsätzlichen Vertrauenskrise«, die sich zwischen dem »Westen« und Russland entwickelt habe. Dass Präsident Wladimir Putin in der Arktisregion ein Abwehrraketensystem vom Typ »Panzir« stationieren oder auf der Insel Nowaja Semlja ein militärisches Frühwarnsystem aufbauen lässt, erscheint dann als reine Provokation. Aussagen von russischen Militärs, sie wollten nur die Nordflanke des Landes schützen, werden nicht mehr ernst genommen. Damit aber nicht genug: In verschiedenen Medien wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Russland sich auf diesem Wege nur die Bodenschätze der Arktis unter den Nagel reißen wolle. Das könnte der Klimawandel tatsächlich möglich machen: Durch die steigenden Temperaturen in der Atmosphäre schmilzt das arktische Eis und macht den Weg zu den Rohstoffen frei. Eine Reihe wissenschaftlicher Studien zeigt, dass es im Nordpolarmeer in den kommenden Jahrzehnten im Sommer komplett auftauen könnte. Zu den Vertretern dieser These gehört auch der US-Wissenschaftler Laurence C. Smith. In seinem Buch »Die Welt im Jahr 2050« geht er davon aus, dass es wohl in der Mitte des Jahrhunderts so weit sein dürfte. Laut dem Pew-Meinungsforschungszentrum aus den USA waren im September 2012 schon 40 Prozent des zentralen Arktischen Ozeans eisfrei. Rohstoffe sind in der Region reichlich vorhanden: Bereits 2009 veröffentlichte der U. S. Geological Survey (USGS) in der Fachzeitschrift Science eine erste umfassende Einschätzung der Erdöl- und Erdgasvorkommen im Nordpolarmeer. Sie lasse darauf schließen, dass dort fast ein Drittel des noch unentdeckten Erdgases und 13 Prozent des unentdeckten Erdöls der Welt lagern – in einer Region, die kaum vier Prozent der Erdoberfläche ausmacht. Zudem werden dort Gold, Diamanten, Uran und Nickel in großen Mengen vermutet. Russland ist nicht das einzige Land, das Anspruch auf das Gebiet und die Rohstoffe erhebt. Die USA, Kanada und Norwegen reklamieren sie genauso für sich wie die Europäische Union über das Mitgliedsland Dänemark. Stützen können sich die Staaten dabei auf das UN-Seerechtsübereinkommen (UNCLOS), das in den Jahren von 1973 bis 1982 ausgehandelt und das bis zum Jahr 2013 schon von 166 Ländern ratifiziert wurde. Es schafft eine Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ), die sich von der Küstenlinie eines Landes 200 Seemeilen weit ins Meer erstreckt. In der AWZ hat ein Staat die alleinige Souveränität über alle lebenden und nichtlebenden natürlichen Ressourcen. Jenseits dieser Grenze liegt die hohe See, deren Ressourcen von niemandem kontrolliert werden – mit einer Ausnahme: Kann ein Land wissenschaftlich beweisen, dass der Meeresboden eine geologische Fortsetzung seines Festlandsockels darstellt, darf es bei einer UN-Sonderkommission einen Anspruch geltend machen und für dieses Gebiet die Souveränitätsrechte beantragen. Um ihre Ansprüche zu untermauern, hatten die Anrainerstaaten jahrelang Forschungsmissionen entsandt, die den Meeresboden kartographieren sollten. Mit den wissenschaftlichen Beweisen in der Hand, stellten sie letztendlich einen Antrag. Dänemark hat es im Dezember 2014 getan. Das kleine Land beansprucht ein Gebiet von knapp 900.000 Quadratkilometer. Kanada hatte schon ein Jahr zuvor bei der UNO Ansprüche auf ein Gebiet von 1,2 Millionen Quadratkilometern angemeldet. Russland hat seinen Antrag kürzlich erst eingereicht. Gibt es Streit, weil sich Ansprüche überlappen, darf die UNO allerdings nicht eingreifen. Und Streit gibt es: Die Gebietsforderungen von Dänemark, Kanada und Russland überschneiden sich. Alle Seiten argumentieren mit wissenschaftlichen Gutachten, wonach die Gegend um den Nordpol geologisch mit ihrem Festland verbunden ist. Ein rund 1.800 Kilometer langer unterseeischer Gebirgsrücken zwischen Sibirien und Grönland, der »Lomonossow-Rücken«, ist im Streit zwischen Dänemark und Russland entscheidend. Beide Seiten gründen ihre Ansprüche auf ihn und würden die einer Seite anerkannt, könnte das Land ein Gebiet kontrollieren, das erst 200 Seemeilen vor der Küste des anderen Landes enden würde. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten ist eher nicht damit zu rechnen, dass der Kampf um die Ressourcen eskalieren könnte. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die für die Öl- und Gasproduktion interessanten Gebiete ohnehin in der AWZ der Arktisanrainer liegen. Auch größere Vorkommen der Seltenen Erden wurden unter dem Gletschereis auf Grönland gefunden. Professor Smith meint sogar, dass die technischen Möglichkeiten derzeit noch nicht vorhanden sind, in den Arktisgebieten außerhalb der AWZ Rohstoffe zu fördern. Immerhin werde das Nordpolarmeer jedes Jahr wieder zufrieren, und eisbeständige Bohrinseln müssten erst noch entwickelt werden. Die Militarisierung der Arktis wird dennoch vorangetrieben – von »Ost« und »West«, wie Etzold und Steinicke hervorheben. jw

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