24. August 2015

Einheit der Gefangenen Von Mumia Abu-Jamal

Er heißt Major Tillery und stammt aus Westphiladelphia. Auch wenn er draußen den Ruf eines Gangsters hatte, spielen solche Dinge im Knast keine Rolle. Im Fall »Tillery gegen Owens« hat er sich als »Anwalt« für die Rechte aller Häftlinge eingesetzt und das Gefängnis in seinen Grundfesten erschüttert. In seiner bahnbrechenden Klage ging es um deren Lebensbedingungen. Die Unterbringung von zwei Häftlingen in einer Zelle wurde vom Gericht per Beschluss als verfassungswidrig erachtet. Auch der Zustand der Krankenabteilung widerspreche den Grundrechten. Die Lebensbedingungen in Teilen des Gefängnisses wertete das Gericht als »Verletzung der US-Verfassung«. Kurz nach seinem glorreichen Sieg wurde Major Tillery in die Haftanstalt eines anderen US-Bundesstaates verlegt. Vergeltung? Ja, es sieht ganz danach aus. Vor ein paar Monaten sah Major mich zufällig in der Gefängnisbibliothek, und er war schockiert über mein Aussehen und meine körperliche Haltung. Er redete auf mich ein, mich sofort in die Krankenabteilung verlegen zu lassen. Ich widersprach und sagte, ich sei soweit okay und es würde mir in ein paar Tagen wieder besser gehen. Major sah mich an und sagte: »Hör mal, Kumpel, ich sehe doch, was mit deiner Haut los ist. Und du bist so müde, dass du kaum stehen kannst. Dir geht’s doch einfach schlecht, Mu!« Er ließ nicht locker. Er ging zum Anstaltsleiter und warnte ihn, wenn ich nicht sofort in ein Krankenhaus verlegt würde, könnte ich sterben. Der Anstaltsleiter antworte: »Ich wünschte, Sie würden sich weniger um andere Gefangene kümmern, sondern mehr um sich selbst.« Major konterte: »Genau das mache ich ja. Er ist mein Bruder, und was ich für meinen Bruder tue, das tue ich für mich selbst!« Von dem Tag an wurde Major tagein, tagaus schikaniert. Jeden Tag wurde seine Zelle durchsucht, und er verlor seinen Job als Hausarbeiter im Zellentrakt. Dann wurde er zuerst auf die andere Seite des Mahanoy-Gefängnisses verlegt und schließlich in das benachbarte Staatsgefängnis SCI Frackville. Dort erwartete ihn eine weitere Überraschung. An ihn gerichtete Post wurde als »kontaminiert mit Drogen« deklariert. Der Klebstoff der Briefmarken soll eine Substanz enthalten haben. Dafür wurde er wegen »schlechten Benehmens« mit einer Disziplinarstrafe von sechs Monaten im »Loch« belegt, der Bunkerzelle. Beim Vorwurf gegen Major gab es nur ein kleines Problem: In Frackville werden ebenso wie hier in Mahanoy im Postraum alle Briefmarken von den Umschlägen entfernt, bevor die Post an die Gefangenen weitergegeben wird. Major verlangte deshalb, er solle bei der Staatspolizei angezeigt werden, um dann beweisen zu können, dass der Vorwurf gegen ihn falsch ist. Die Anstaltsleitung weigerte sich aber, das zu tun. Vergeltung? Ja, es sieht ganz danach aus. Als wenn das nicht alles schon schlimm genug wäre, leiden Major und Dutzende andere Häftlinge nun auch an einem Hautausschlag, der aber nicht richtig behandelt wird. Major sitzt immer noch im »Loch«, jedoch nicht wegen Drogen, sondern weil Gefängnisverwaltungen vor allem eins hassen und fürchten: Einheit und Solidarität unter Gefangenen. Übersetzung: Jürgen Heiser jw

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