27. August 2015

Atommüllkommission hält nichts von »Mischendlager«


Bundesregierung muss ihr »Nationales Entsorgungsprogramm« wohl nachbessern
Von Reimar Paul

Das vor zwei Wochen vom Bundeskabinett verabschiedete »Nationale Entsorgungsprogramm« ist bei der vom Bundestag und Bundesrat eingesetzten Endlagerkommission durchgefallen. Sie hat am Mittwoch erhebliche Bedenken gegen das von der Regierung vorgeschlagene »Mischendlager« vorgetragen. Nach Ansicht dieses Gremiums von Vertretern der Wissenschaft, gesellschaftlichen Gruppen und Abgeordneten könnte eine gemeinsame Deponierung unterschiedlicher Arten von Atommüll die Suche nach einem Standort weiter erschweren.

Das Nationale Entsorgungsprogramm sieht vor, an einem künftigen Endlager für hochradioaktive Abfälle auch schwach radioaktiven Müll aus der Urananreicherungsanlage Gronau abzuladen – die Fabrik in Westfalen ist vom Atomausstieg ausgenommen und hat eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Außerdem sollen demnach die 126.000 Atommüllfässer aus dem maroden Bergwerk Asse bei Wolfenbüttel in ein solches Mehrzwecklager gebracht werden. Das bislang für schwach- und mittelradioaktiven Abfall vorgesehene Endlager Schacht Konrad in Salzgitter ist nämlich nur für bis zu 303.000 Kubikmeter genehmigt. Mit dem entsprechenden Material aus Gronau und der Asse verdoppelt sich das Volumen in dieser Kategorie jedoch. Um zu vermeiden, dass das Genehmigungsverfahren für Schacht Konrad neu aufgerollt wird, verfiel die Regierung auf die Idee des »Mischagers«.

Das an die EU-Kommission in Brüssel gemeldete Nationale Entsorgungsprogramm enthält eine sogenannte Revisionsklausel, nach der sich durch Empfehlungen der Endlagerkommission noch wesentliche Änderungen ergeben könnten. Von dieser Klausel dürfte die Regierung nun Gebrauch machen. Chemiker Michael Sailer, der auch Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes und der Geschäftsführung des Öko-Institutes in Freiburg ist, hat den Vorsitz der Arbeitsgruppe 3 der Endlagerkommission. Diese beschäftigt sich mit den Entscheidungskriterien für einen künftigen Standort. Sailer wies nun darauf hin, dass vor allem über die chemischen Eigenschaften der aus der Asse zu bergenden Abfälle kaum Informationen vorliegen. Schwierig zu beurteilen sei auch das Reaktionsverhalten radioaktiver Abfälle aus der Forschung und dem Abriss von Kernkraftwerken, die aufgrund ihrer Zusammensetzung ebenfalls nicht den Annahmebedingungen von Schacht Konrad entsprechen.

Nach Auffassung der Arbeitsgruppe müsste für eine gemeinsame Lagerung unterschiedlicher Abfallarten nicht nur ein Standort mit einem sehr viel größeren sogenannten ungestörten Bereich von Salz, Ton- oder Granitgestein gefunden werden. Je nach chemischer Zusammensetzung oder Verpackung könnten sich in unterschiedlichen Gesteinen auch zusätzliche Schwierigkeiten ergeben, sagte Sailer. Die Arbeitsgruppe will beim Bundesumweltministerium genauere Informationen über die anfallenden Abfälle und ein wissenschaftliches Gutachten über Probleme bei der gemeinsamen Endlagerung unterschiedlicher Arten einholen.

Die Gegner der weiteren AKW-Nutzung rund um Gorleben sehen ihre Vorbehalte gegen ein Mehrzweckendlager bestätigt. Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg hatte sich bereits kurz nach Bekanntwerden des Entsorgungsprogramm an die Endlagerkommission gewandt. Und davor gewarnt, brennbare und Gas entwickelnde Abfälle wie aus Gronau zusammen mit stark strahlendem und viel Wärme entwickelndem Atommüll zu lagern.
jw

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen